Folge 1: Entschleunigen mit Strandgut, Seesternen und dem Gesetz der Küste
Ein neues Projekt entsteht … aber ich glaube, ich kann das Tonformat für sich selbst sprechen lassen – was meinst Du dazu? Es soll zum Träumen anregen, wenn wir gerade mal wieder nicht hier sind … und nun viel Spaß mit dem neuen Format :)
Wer mitlesen möchte findet wie immer hier das Transcript – aber … es war nur das Script und wird an einigen Stellen sicher abweichen. Im Grunde dient es nur Menschen, die leider Hörgeschädigt sind und trotzdem mitkommen möchten:
Es gibt diese Vormittage hier ein paar Kilometer südlich von Alicante, da scheint die Welt einen Moment lang den Atem anzuhalten. Wir sind heute früh zum Strand gefahren, und zwar noch bevor die Sonne ihre volle Kraft entfaltet hatte. Die Luft war klar, ein winziger Hauch von Salz lag auf den Lippen – der Gruß der nahen Salinas von Santa Pola.
Das Meer? Es lag heute da wie ein tiefblauer Spiegel. Kaum ein Windhauch kräuselte die Oberfläche. Es war so still, dass man das Gespräch der Angler mithören konnte.
Wir sind in El Pinet losgelaufen, den Blick immer fest auf den Spülsaum und die aufgehende Sonne auf dem Meer gerichtet. Wir suchen heute wieder mal nach nach Schätzen für unser kleines Zuhause. Nein, nicht nach Wertgegenständen, sondern nach den kleinen Kunstwerken der Natur: Strandgut. Wir halten Ausschau nach Muscheln, vor allem nach denen, die bereits ein kleines, perfektes Loch haben – oft wohl das Werk hungriger Möwen. Zusammen mit verwittertem Treibholz werden sie später zu Mobiles verarbeitet, die im Wind auf der Terrasse tanzen können. Zu Wandermuscheln, die mit Nagellack bemalt auch andere Mesnchen erfreuen können.
Und dabei haben wir eine einfache Regel: Wer sich für die Schönheit einer Muschel bückt, der bückt sich auf dem Rückweg auch für das, was nicht hierhergehört. Ein Stück Plastik, eine alte Angelschnur, Glasscherben. Es ist ein kleiner Dienst an diesem Ort, den wir so lieben. Ein Dankeschön an das Meer.
Während wir so den Strand absuchten, entdeckten wir am Horizont eine seltsame Gestalt. Zuerst dachten wir, es sei ein älterer Herr, der mit seinem Gehgestell – einem Rollator – direkt im flachen Wasser spazieren geht. Ein skurriles Bild, nur ein oder zwei Meter vom Ufer entfernt. Doch je näher wir kamen, desto klarer wurde die Szenerie. Es war kein Gehfrei. Es war eine Art selbstgebaute Reuse, vielleicht aus den Rückseitigen Kühlrippen eines Gefrierschranks, die er beharrlich durch den feinen Sand schob.

Der Mann, der, wie sich im Gespräch herausstellte, bei der Salzgewinnung arbeitet, lächelte uns freundlich an. Er suchte kleine Muscheln. ‚Fingerfood für den Abend‘, erzählte er uns mit einem Leuchten in den Augen. Er liebt es, sie kurz zu grillen und mit der Familie zu genießen. Ein Stück gelebte Tradition.
Doch dieses kleine Glück ist riskant. Ein Angler flüsterte Ute, meiner Begeitung am heutigen Tage später zu, dass auf das Sammeln dieser Muscheln horrende Strafen stehen – bis zu 6.000 Euro, wenn man erwischt wird.
Und in der Tat ist es schwer zu begreifen: In einer Welt, in der riesige Schleppnetze den Meeresboden meilenweit umpflügen und ganze Ökosysteme dabei mit einer Lizenz zerstören, wird ein Mann, der ein paar Handvoll Muscheln für seine Familie sammelt, wie ein Schwerverbrecher behandelt.
Wir haben seinen Namen nicht gefragt. Wir wollten ihn schützen. Denn auf unserem Rückweg sahen wir sie tatsächlich: Die Policía Local, die langsam in seine Richtung patrouillierte. Wir hoffen inständig, dass er ihnen nicht ‚ins Netz‘ gegangen ist.
Bevor wir diese Gedanken zu Ende führen konnten, gab es noch eine andere Rettungsmission: Ein kleiner Seestern war in der Nacht angespült worden. Er lag verloren im trockenen Sand, bewegte sich aber noch ganz leicht. Ihn behutsam aufzuheben und zurück ins kühle, rettende Nass zu bringen – das war der Moment, in dem der Tag für uns wirklich hell wurde.

Wir beobachteten noch kurz die flinken Krabben, die im nassen Sand ihr Frühstück suchten, und machten uns dann auf den Weg, es ihnen gleich zu tun.

Ein wenig später dann der krönende Abschluss: Das kleine Strandrestaurant. Der Duft von frisch geröstetem Brot zieht herüber. Ein Tostado con Tomate, dazu ein dampfender Café con Leche. Wir saßen einfach nur da. Wir hörten zu. Das Klappern der Kaffeelöffel, das melodische Rollen der spanischen Sätze am Nebentisch – Geschichten über den Fang des Tages, über die Familie, über das Leben.
Ein paar Spatzen hüpften mutig zwischen den Tischen umher, immer auf der Suche nach einem Krümel vom Glück.
In diesem Moment wird einem klar: Wir brauchen nicht viel. Ein bisschen Sonne, das Rauschen der Wellen und das Gefühl, im Einklang mit diesem Ort zu sein.

Herrlich entschleunigt.
Willkommen in La Marina…
Sprecher: Jürgen Jester
Musik: Music by Daniel Vargas Ruiz from Pixabay
Sounds und Effekte selbst vor Ort aufgenommen.

